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Gewinn durch Verlust?

 

Am 17.11. und 18.11.2008 fand auf dem Campus Westend und im Künstlerhaus Mousonturm das Symposium "Lost in Translation? – Nordische Literatur in deutscher Sprache" statt. Organisiert wurde es von zwei Mitarbeiterinnen des Instituts für Skandinavistik, Marlene Hastenplug und Christiane Müller.

„Poetry is what is lost in Translation“  - dieser Ausspruch wird dem amerikanischen Dichter Robert Frost zugeschrieben. Eines der Ergebnisse des Symposiums „Lost in Translation? – Nordische Literatur in deutscher Sprache“  war jedoch, daß bereits der alltägliche Kommunikationsakt zwischen zwei Individuen, die vornehmlich dieselbe Sprache sprechen, stets eine Übersetzung darstellt, bei der (häufig zunächst unbemerkt) vieles verloren geht. Diese Erkenntnis hilft einerseits, die Scheu davor abzubauen, Texte von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Andererseits mahnt sie zur Behutsamkeit – nicht nur im Umgang mit fremdsprachlichen Äußerungen, sondern auch mit der eigenen Muttersprache. Doch dies war nicht die einzige Einsicht, die den ca. 90 Teilnehmern der Veranstaltung (hauptsächlich Studierende der Skandinavistik) vermittelt wurde, die aus ganz Deutschland, Skandinavien, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden angereist waren. Alle möglichen Fragen rund ums Übersetzen fanden Berücksichtigung: Welche Literatur aus dem Norden wird überhaupt übersetzt und warum, welche Rolle spielen die Verlage dabei, welche Probleme und Herausforderungen treten beim Übersetzen auf, welche Herangehensweisen gibt es und wie kann man schließlich eine Übersetzung kritisch bewerten? Weiterhin wurde ein Einblick gegeben in ein ganz spezielles Übersetzungsprojekt, nämlich die „Deutsche Søren Kierkegaard Edition“. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich zudem mit dem Gebrauch moderner Hilfsmittel beim Übersetzen.

So vielseitige Fragen bedürfen nicht minder verschiedenartiger Antwort und entsprechend waren viele renommierte Gastredner aus dem In- und Ausland eingeladen: Insgesamt neun Vortragende, Übersetzer und Autoren gestalteten das abwechslungsreiche zweitägige Programm mit. An den Diskussionen beteiligten sich auch die übrigen Teilnehmer eifrig und äußerst interessiert. Ferner durften sie sich dann selbst als Übersetzer versuchen. In einem Workshop sollten kurze skandinavische Texte zunächst von jedem einzelnen ins Deutsche übertragen werden, um anschließend mit professionellen und erfahrenen Übersetzern besprochen werden zu können. Dabei wurde eine weitere, wichtige Erfahrung gemacht: Auch wenn vieles vom Ausgangstext verloren geht, entsteht doch beim Übersetzen immer etwas Spannendes, Neues. So ist der Zieltext notwendig niemals identisch mit dem Original, doch kann er durchaus äquivalent sein.

Wie eine solche, gleichwertige Übertragung konkret aussehen kann, wurde dann besonders auf der zweiten Abendveranstaltung im Künstlerhaus Mousonturm e. V. deutlich. Auf der Lesung des norwegischen Schriftstellers Hans Herbjørnsrud, die in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Literaturforum stattfand, wurde eine ganz besondere Art der Nachdichtung vorgestellt: Einem ganzen Team von Übersetzern und Studierenden der Skandinavistik aus Deutschland und der Schweiz ist es gelungen, eine Erzählung des Autors, die eigentlich als unübersetzbar galt, in eine ganz neue Form zu gießen, und ihr so doch gerecht zu werden. Die Handlung, die sich im Spannungsfeld zwischen der dänischen und der norwegischen Sprache und ihren Dialekten abspielt, wurde dabei mutig nach Deutschland und in die Schweiz verlegt. Eine ganz neue Bildsprache wurde entwickelt, neue Allegorien gefunden. Das Ergebnis ist so zugleich eigenständiges Kunstwerk wie auch Übersetzung. Manchmal gelingt es demnach dem sorgfältigen literarischen Übersetzer, den oben zitierten Ausspruch Frosts umzukehren: Poetry is what is found in translation.

 

Christiane Müller

 

 

geändert am 12. Oktober 2011  E-Mail: Webmasterjohanterwage@em.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 12. Oktober 2011, 11:07
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/skand/symposium/index.html